Namensgebung der Walther-Groz-Schule

Rede von Schulleiter Hans-Erich Vosseler anlässlich der Namensgebungsfeier am 6. Dezember 2002:

Neuer Name - neue Pläne ...

... so betitelte in diesen Tagen unser Kollege aus dem Presseteam seinen Bericht über die Bildung unserer schulischen Gremien. Das war ein guter Titel, und beides stimmt ja auch. Dennoch hat das eine mit dem anderen unmittelbar nichts zu tun, weil es vorgegebene und selbst gesetzte Ziele gibt, die unabhängig von einem Schulnamen verfolgt werden. Aber von Grundsätzen soll hier durchaus die Rede sein, gerade auch im Zusammenhang mit dieser Namensgebung. Letztlich geht es nämlich um den "Geist", der in dieser Schule herrscht.

Lassen Sie mich aber zuerst kurz auf die Frage eingehen: Braucht die Kaufmännische Schule Albstadt einen Namen? Natürlich braucht sie ihn nicht. Schließlich kennt man ja "s'WG". Nun haben wir aber außer dem WG ja noch weitere 4 und bald 5 Schularten unter einem Dach, unter einer Leitung und betreut von einem Lehrerkollegium.

Schon dieser Hinweis zeigt das Komplexe des Beruflichen Schulwesens, wobei unsere Schule selbst im Vergleich zu unseren beiden Nachbarschulen noch sehr einfach strukturiert und gut überschaubar ist. Nein - also noch einmal: gebraucht hätte unsere Schule einen neuen Namen nicht, denn sie hat nach vielfachem Bekunden einen guten Namen. Aber ein Name muss ja nicht nur nüchterne Bezeichnung sein, Arbeitstitel sozusagen, ein Name kann durchaus mehr aussagen. Er kann Zeichen setzen, Signal sein, Bekenntnis und Identifikation, Demonstration, Marken- oder Qualitätszeichen, Botschaft, Ausdruck von Selbstbewusstsein und Unabhängigkeit, Ausdruck der Achtung für den Namensgeber und vor seiner Lebensleistung, Auszeichnung und Verpflichtung für die benannte Schule - denn: Name und Tun sollten ja zusammenpassen, stimmig sein.

Alle diese Überlegungen haben bei uns - im Lehrerkollegium und in der Schulkonferenz - im Meinungsbildungsprozess für oder gegen einen eigenen Schulnamen eine Rolle gespielt. Herausgekommen ist ein einstimmiges Votum für den Schulnamen WALTHER-GROZ-SCHULE. Die Familie des Namensgebers - vertreten durch Sie, sehr verehrter Herr Wolfgang Groz - hat dankenswerterweise zugestimmt. Hätte diese Schule keinen guten Ruf, hätten Sie gewiss nicht zugestimmt.

Und damit komme ich zurück auf den zitierten "Geist" der Schule. Heutzutage ist ja nur noch von "Kompetenzen" die Rede, die wir unseren Schülern vermitteln sollen: Fachkompetenz, soziale Kompetenz, personale Kompetenz. Ich bin zu lange Schulmeister, als dass ich mich durch immer neue Begriffe noch ins Bockshorn jagen ließe. Sofern diese Begriffe auch das Wesentliche meinen und nicht bloß aufgesetzt sind, bin ich mit ihnen einverstanden. Aber ich bin auch altmodisch genug, um es so zu formulieren: Wir haben uns um Kopf, Hand und Herz der uns anvertrauten Jugend zu kümmern - Begriffe, die von unseren pädagogischen Klassikern wie Pestalozzi - oder ähnlich auch von Kerschensteiner - geprägt worden und die von zeitloser Aktualität, ja regelrecht modern sind.

KOPF - das steht für Fach- und Allgemeinwissen, für Förderung von Verstand, Lernen und Begabung, für Öffnen von Wissenshorizonten, damit Weitblick entsteht, für Aufhelfen bei Lern- und Wissens-Defiziten, für Eröffnen von Bildungs-Chancen schlechthin.

HAND - das steht für die Umsetzung und Anwendung von Wissen. Denn Wissen allein ist nicht Macht, sondern Ohn-Macht, nämlich dann wenn es sich nicht verbindet mit verständigem Handeln zum eigenen, aber eben auch zum Nutzen der Mitmenschen, des Gemeinwesens.

HERZ - das steht für Engagement und Beherztheit, für Zuwendung und Kritikfähigkeit, für die Vermittlung von Tugenden und den Aufbau von Werthaltungen. Und im Zusammenwirken von allen dreien kann sich Bildung ereignen.

Dies ist auch unser Credo. Wer diese Schule verlässt, muss gelernt haben, seinen KOPF zu gebrauchen, ohne "verkopft" zu sein. Wer diese Schule verlässt, muss über das nötige HAND-Werkszeug verfügen und es einsetzen, sein Wissen umsetzen können, wenn es geht, über praktische Intelligenz verfügen. Wer diese Schule verlässt, muss Menschen erlebt haben, die sich zu Tugenden und Werten bekennen und die mit HERZ erziehen, ohne jedoch jemanden in irgendeiner pädagogischen Kuschelecke sitzen und lebensuntüchtig werden zu lassen. In dem, der diese Schule verlässt, soll der Prozess der Bildung in Gang gekommen sein.

Angesichts dieser unserer Grundhaltung ist es für uns schwer zu ertragen, wenn bald täglich in der Zeitung steht und wenn jeder Berufene oder Unberufene weitgehend unwidersprochen äußern kann, es fehle den Lehrern an Engagement. Solche Äußerungen erhöhen weder die Motivation der Betroffenen, noch tragen sie dazu bei, dem "Produktionsfaktor" Bildung und seinen Akteuren einen ähnlich hohen Stellenwert zuzuweisen wie dies PISA-positive Länder konsequent und mit sichtbarem Erfolg getan haben. Schulen sind nun einmal wichtige Bestandteile der lokalen und regionalen Infrastruktur und bedürfen deswegen der ungeteilten Aufmerksamkeit aller Verantwortlichen im Land, im Landkreis und in der Stadt.

Verhielten sich da jene Verantwortlichen aus Gewerbe und Gemeinwesen (darunter auch der Großvater von Walther Groz) nicht schon überaus weitsichtig, als sie 1853 (das werden also nächstes Jahr 150 Jahre!) die Notwendigkeit beruflicher Bildung erkannten, das Thema zur Chefsache machten und in Ebingen eine erste echte berufliche Schule in Form der Sonntagsgewerbeschule einrichteten? Und als das Schulgremium des Ebinger Gemeinderates, der sogenannte "Handelsschulrat", dem u. a. der Fabrikant Adolf Groz, also der Vater von Walther Groz, angehörte, 1913 (das werden nächstes Jahr 90 Jahre!) die Handelsschule einrichtete? Reiht sich da nicht nahtlos Walther Groz an, in dessen Amtszeit sogar noch die Ansätze für den Bau unserer Schule liegen?

Aber nicht deswegen ist Walther Groz zu "unserem Mann" geworden, sondern aufgrund seiner Lebensleistung. Wer im politisch-wirtschaftlich-sozialen und kulturellen Raum so handelt wie ein Walther Groz, erfüllt in höchst zeitgemäßer Weise die Zielsetzungen der Kopf-, Herz- und Hand-Philosophie, aber auch Grundsätze der christlichen Soziallehre, und kann uns Vorbild sein.

Lassen Sie mich zum Schluss noch Heinrich Haasis zitieren, den früheren Landrat des Zollernalbkreises und Amtsvorgänger von Herrn Fischer. Er schreibt: "Ich freue mich sehr, dass mit der Namensgebung zur "Walther-Groz-Schule" auf diese besondere Weise die Persönlichkeit und Verdienste, das unternehmerische und kommunale Wirken von Walther Groz eine besondere Anerkennung erfährt. Ich denke, die Schule hätte keine bessere Wahl treffen können als diese ... Und wer die Person von Walther Groz kannte, weiß, dass der Name auch Symbol für die Schule ist. Nicht nur was Tradition und fachliche Ausrichtung angeht, sondern vor allen Dingen auch das "Klima", der "Geist", der die Schule ausmacht ... So darf ich auf diesem Weg Ihnen und damit allen an der "Walther-Groz-Schule" tätigen Lehrkräften für ihr Engagement danken. Der "Walther-Groz-Schule" wünsche ich eine weiterhin gedeihliche Zukunft im Interesse der jungen Menschen, die hier das Rüstzeug für ihr Berufsleben erhalten."

Für diese und alle anderen guten Wünsche danken wir. Wir werden uns auch in Zukunft Mühe geben.